16.01 KI als Co-Founder & Coach

Mit Claude & Co. von der Idee zum Pitch

16 Startups

Wer ein Startup gründet, hat heute ein Teammitglied, das rund um die Uhr verfügbar ist, nie schlechte Laune hat und in Sekunden einen Businessplan strukturiert: die Künstliche Intelligenz. Doch wer die KI falsch einsetzt, bekommt austauschbaren Einheitsbrei – Ideen, die tausend andere auch schon hatten. Dieses Kapitel zeigt, wie man KI-Chatbots wie Claude, ChatGPT & Co. auf dem Weg von der ersten Idee bis zum Investoren-Pitch richtig einsetzt: als Sparringspartner, Kritiker und Coach – nicht als Ideenlieferant.

Übrigens: Dieses Kapitel ist selbst in intensiver Zusammenarbeit mit einer KI (Claude von Anthropic) entstanden – nach genau der Methode, die es beschreibt.

Das Grundprinzip: Die KI weiss nichts, was du nicht einbringst

Der häufigste Fehler im Umgang mit KI ist die Erwartung, sie liefere auf Knopfdruck die zündende Geschäftsidee. Das kann sie nicht – und zwar aus einem einfachen Grund: Ein Sprachmodell kennt nur das, was alle kennen. Was es nicht kennt, sind deine Erfahrungen, deine Ärgernisse im Alltag, dein Nebenjob, dein Netzwerk. Genau daraus entstehen aber tragfähige Geschäftsideen – Ideen mit einem «unfairen Vorteil», wie es im Lean Canvas* von Smart-up, dem Startup-Förderungsprogramm der Hochschule Luzern, heisst.

Daraus folgt die Grundregel für alles Weitere:

  • Falsch: Die KI nach Ideen, Antworten und fertigen Lösungen fragen.
  • Richtig: Die KI mit eigenem Wissen und eigenen Beobachtungen füttern und sie als Coach, Strukturierer und Kritikerin arbeiten lassen.

Der Unterschied lässt sich in einer Minute selbst erleben – mit den beiden folgenden Prompts.

Schritt 1: Die Geschäftsidee finden – KI als Interviewer

Der Anti-Prompt (so bitte nicht)

Gib mir 10 innovative Startup-Ideen.

Das Ergebnis: generische Vorschläge («App für Nachhaltigkeit», «Plattform für lokale Anbieter»), die jede und jeder erhält, der diese Frage stellt. Keine dieser Ideen hat einen unfairen Vorteil, denn keine baut auf etwas auf, das nur dir zur Verfügung steht.

Der Coach-Prompt (so funktioniert es)

Du bist mein Startup-Coach. Deine Aufgabe ist es, mit mir gemeinsam eine realistische Geschäftsidee zu entwickeln – für ein Startup, das ich als Studentin oder Student mit wenig Kapital starten könnte.

Gib mir keine fertigen Ideen. Führe stattdessen ein Interview mit mir: Stelle mir nacheinander einzelne Fragen zu meinen Erfahrungen, Nebenjobs, Hobbys, meinem Umfeld und zu Dingen, die mich oder Menschen um mich herum im Alltag ärgern. Immer nur eine Frage aufs Mal, kurz und konkret.

Sobald du genug Material hast, hilf mir, daraus 2–3 Probleme zu destillieren, die es wert wären, gelöst zu werden. Begründe bei jedem Problem, warum ausgerechnet ich gut positioniert wäre, es zu lösen.

Die KI wird nun Fragen stellen – und aus den Antworten entsteht Schritt für Schritt eine Idee, die auf echtem, eigenem Material beruht. Das entspricht exakt der Logik des Lean Canvas: Am Anfang steht nicht die Lösung, sondern das Problem (Feld 1).

Merkzettel mit Glühbirne
Beispiel

Ein Student erwähnt im KI-Interview seinen Nebenjob im Eventcatering: Vor jedem Anlass bricht Hektik aus, weil kurzfristig Leute abspringen und der Einsatzplan per Gruppenchat zusammengeflickt wird. Die KI hakt nach: Wer plant? Mit welchem Tool? Was genau nervt am meisten – und wen sonst noch? Am Ende steht kein «App für irgendwas», sondern ein präzise beschriebenes Problem aus einer Branche, zu der der Student echten Zugang hat – sein unfairer Vorteil.

Schritt 2: Das Geschäftsmodell – KI als kritische Co-Founderin

Ist ein Problem gefunden, wird die Idee im Lean Canvas zum Geschäftsmodell verdichtet. Auch hier gilt: Die KI füllt den Canvas nicht «richtig» aus – sie liefert einen Rohentwurf, der dem Team als Diskussionsgrundlage dient.

Prompt: Canvas-Rohentwurf

Hier ist unsere Geschäftsidee: [Idee in 3–5 Sätzen beschreiben, inkl. Problem, Zielgruppe und Lösungsansatz].

Erstelle daraus einen ersten Entwurf eines Lean Canvas mit folgenden Feldern: Problem, bestehende Alternativen, Kundensegmente, Alleinstellungsmerkmal (Wertangebot), Lösung, Kanäle & Marketing, Einnahmequellen, Kostenstruktur, Kennzahlen, unfairer Vorteil, Schlüsselpartner. Halte jedes Feld kurz: maximal 3 Stichpunkte. Kennzeichne bei jedem Feld, wie sicher du dir bist – und was reine Annahme ist.

Der wertvollste Einsatz der KI kommt aber erst jetzt – als Kritikerin:

Prompt: Der skeptische Investor (Red Teaming)

Wechsle jetzt die Rolle: Du bist eine skeptische Investorin, die schon hundert Studierenden-Pitches gesehen hat. Zerreiss unseren Lean Canvas.

Nenne die 3 riskantesten Annahmen, an denen das ganze Geschäftsmodell hängt. Formuliere zu jeder Annahme eine Hypothese nach dem Muster «Wir glauben, dass…» und schlage ein möglichst einfaches, günstiges Experiment vor, mit dem wir sie diese Woche testen könnten – inklusive Messgrösse und Kriterium, ab wann die Hypothese als bestätigt gilt.

Dieser Prompt greift direkt den Experiment-Teil des Smart-up-Lean-Canvas auf (Hypothese – Testen – Metrik – Kriterien): Die kritischen Annahmen zu identifizieren und zu testen ist der Kern der Lean-Startup-Methode. Die KI ist dabei am nützlichsten, wenn sie widerspricht – nicht, wenn sie schmeichelt.

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Tipp

KI-Chatbots neigen dazu, höflich zuzustimmen. Wer ehrliche Kritik will, muss sie ausdrücklich verlangen («Sei schonungslos», «Spiele den Advocatus Diaboli») – und sollte dieselbe Frage ruhig zwei verschiedenen KI-Tools stellen und die Antworten vergleichen.

Schritt 3: Validierung – draussen, nicht im Chat

Hier liegt die wichtigste Grenze der KI: Sie kennt eure Kundschaft nicht. Ob jemand für die Lösung tatsächlich Geld ausgibt, entscheidet sich nicht im Chat-Fenster, sondern im Gespräch mit echten Menschen. Kundeninterviews kann und darf die KI nie ersetzen – aber sie hilft, sie besser vorzubereiten:

Prompt: Interview-Leitfaden

Wir wollen unsere Annahme testen, dass [kritische Annahme einsetzen]. Erstelle einen Leitfaden für ein 10-minütiges Kundeninterview mit [Zielgruppe einsetzen].

Wichtig: Die Fragen dürfen nicht suggestiv sein und unsere Lösung nicht erwähnen. Frage nach vergangenem Verhalten («Wie hast du das letzte Mal…?»), nicht nach hypothetischen Absichten («Würdest du…?»). Maximal 8 Fragen, in Alltagssprache.

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Hintergrund

Die Regel, nach vergangenem Verhalten statt nach Absichten zu fragen, stammt aus dem «Mom Test» von Rob Fitzpatrick – Tech-Unternehmer, Absolvent des Accelerators Y Combinator und heute vor allem als Autor bekannt. Sein gleichnamiges Buch (2013) ist Standardlektüre an Universitäten und in Startup-Programmen weltweit. Die Kernthese: Menschen sind höflich und loben fast jede Idee («Würde ich kaufen!») – verlässlich ist nur ihr tatsächliches Verhalten. Der Titel spielt darauf an, dass einem bei richtig gestellten Fragen nicht einmal die eigene Mutter ein falsches Kompliment machen kann.

Schritt 4: Der Pitch – KI als Jury

Am Ende der Startup Week steht der Pitch. Auch hier ist die KI in zwei Rollen nützlich – als Strukturhilfe und als Trainingspartnerin:

Prompt: Pitch-Struktur

Hier ist unser Lean Canvas: [einfügen]. Wir pitchen in [Anzahl] Minuten vor einer Jury aus Startup-Fachleuten. Entwickle eine Pitch-Dramaturgie: Einstieg mit dem Problem (konkret und anschaulich, keine Floskeln), dann Lösung, Markt, Geschäftsmodell, Team, Ask. Gib uns pro Abschnitt die Kernbotschaft in einem Satz – die Formulierungen erarbeiten wir selbst.

Prompt: Jury-Simulation

Simuliere jetzt die Fragerunde nach unserem Pitch. Du bist eine dreiköpfige Jury: eine Investorin, ein Branchenkenner, eine kritische Betriebswirtschafterin. Stellt uns nacheinander die 6 unangenehmsten Fragen, die ihr nach diesem Pitch stellen würdet. Warte nach jeder Frage auf unsere Antwort und gib uns dann kurzes, ehrliches Feedback: Was war überzeugend, was war ausweichend?

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Wichtig

Den Pitch-Text von der KI ausformulieren zu lassen, ist verlockend – und ein Fehler. Eine Jury merkt sofort, ob ein Text gelebt oder generiert ist. Die KI liefert Struktur und Sparring; die Sprache, die Beispiele und die Begeisterung müssen aus dem Team kommen.

Die Spielregeln: KI ist Hilfsmittel, nicht Ersatz

Wer die KI als Co-Founder einsetzt, muss ihre Grenzen kennen. Vier Regeln genügen:

  • Verifizieren: KI-Chatbots erfinden Fakten, Marktzahlen und Quellen – oft in überzeugendem Tonfall («Halluzinationen»). Deshalb: Im Prompt ausdrücklich seriöse, anerkannte und einschlägige Quellen verlangen, die Websuche des Chatbots aktivieren – und die gelieferten Links anklicken und prüfen, denn auch Quellenangaben können erfunden sein. Jede Zahl und jede Behauptung, die im Canvas oder Pitch landet, muss unabhängig überprüft werden.
  • Draussen validieren: Die KI simuliert Kundschaft, sie ist keine. Kein Chat ersetzt das Kundeninterview und den Test am echten Markt.
  • Vertraulichkeit wahren: Eingaben in KI-Tools können – je nach Anbieter und Einstellungen – zum Training der KI-Modelle verwendet werden. Deshalb in den Datenschutz-Einstellungen des Chatbots festlegen, dass die eigenen Eingaben nicht für das Training verwendet werden. Und grundsätzlich: keine Geschäftsgeheimnisse, keine Personendaten Dritter und keine vertraulichen Informationen in öffentliche Tools eingeben.
  • Selber denken: Die KI liefert Rohstoff und Widerspruch. Die Entscheidungen, die Kreativität und die Verantwortung – auch die rechtliche – bleiben beim Gründungsteam.

Praxis-Tipp: Der KI-Co-Founder als eingerichtetes Projekt

Wer während einer ganzen Startup Week (und darüber hinaus) mit der KI arbeitet, sollte nicht jedes Mal bei null beginnen. Moderne KI-Tools erlauben es, einen dauerhaften Arbeitsbereich einzurichten – bei Claude «Projekte», bei ChatGPT «Custom GPTs» bzw. Projekte. Dort hinterlegt man einmalig:

  • Rolle: «Du bist unser Startup-Coach: kritisch, konkret, kurz angebunden.»
  • Kontext: Die Geschäftsidee, den aktuellen Lean Canvas, die Zielgruppe.
  • Stilregeln: Kurze Antworten, maximal 3 Vorschläge aufs Mal, jede Antwort endet mit einer Rückfrage.

So wird die KI vom anonymen Chatbot zum eingearbeiteten Teammitglied, das den Stand des Projekts kennt – ein echter Co-Founder eben.

Take-aways 🍔

Die KI ist im Gründungsprozess kein Orakel, sondern ein Sparringspartner: Sie liefert keine zündenden Ideen auf Knopfdruck, denn sie kennt nur, was alle kennen. Tragfähige Geschäftsideen entstehen, wenn man die KI mit eigenem Wissen, eigenen Erfahrungen und Beobachtungen füttert und sie interviewen, strukturieren und kritisieren lässt. Ihr wertvollster Modus ist der Widerspruch: als skeptische Investorin, die die riskantesten Annahmen im Lean Canvas aufdeckt, und als Jury, die den Pitch auseinandernimmt. Ihre wichtigste Grenze: Validiert wird draussen, bei echten Kundinnen und Kunden – nie im Chat. Wer zudem Fakten verifiziert, Vertrauliches schützt und die Sprache des Pitches selbst schreibt, hat mit Claude & Co. tatsächlich einen Co-Founder gewonnen – einen, der nie schläft, aber auch nie die Verantwortung übernimmt.

Quellen und weiterführende Hinweise

* Lean Canvas des Smart-up-Programms der Hochschule Luzern: smart-up-map.ch (in Anlehnung an Ash Maurya, Running Lean, 2013, und A. Osterwalder, Value Proposition Design, 2014)

Rob Fitzpatrick, The Mom Test, 2013 (zur Technik nicht-suggestiver Kundeninterviews): momtestbook.com

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