04.04 Qualifizierte elektronische Signatur

04 Verträge in digitalen Projekten

Qualifizierte elektronische Signatur

Nach Art. 14 Abs. 2bis OR ist die mit einem qualifizierten Zeitstempel verbundene qualifizierte elektronische Signatur (QES) gemäss Bundesgesetz über die elektronische Signatur (ZertES; konkret Art. 2 lit. e ZertES) der eigenhändigen Unterschrift gleichgestellt. Wichtig: bei dieser Signatur handelt es sich nicht einfach um eine eingescannte Unterschrift (!), sondern um eine rein elektronische Signatur, die de facto wie das Log-in z.B. im E-Banking funktioniert. Der Unterschied: Beim Log-in im E-Banking handelt es sich um eine E-Identifikation, die ausschliesslich für eine spezifische Anwendung vereinbart wurde; sie basiert auf Vertrag, konkret zwischen Kunde und Bank. Die QES ist dagegen universell: Damit kann man alles signieren, für eine unbeschränkte Anzahl von Anwendungen, basierend auf dem Gesetz. Die Infrastruktur hinter der QES bestätigt gegenüber dem Dritten, einfach gesagt, dass ich ich bin. Dafür muss ich mich vorher bei der Anbieterin des Services identifizieren. Die QES wird heute in der Regel als Fernsignatur erstellt: Der Signaturschlüssel liegt gesichert bei der Anbieterin, die Signatur wird per App auf dem Smartphone freigegeben (Face ID, Fingerabdruck oder Code).

Anbieterinnen der qualifizierten digitalen Signatur

Swisscom Sign App

Um eine qualifizierte digitale Signatur zu erhalten, muss man sich an eine der anerkannten Anbieterinnen wenden (Liste der gemäss ZertES anerkannten Anbieterinnen von Zertifizierungsdiensten). Zurzeit sind das DigiCert Switzerland AG, SIGN8 AG (anerkannt seit August 2026), Swisscom (Schweiz) AG und SwissSign AG sowie das BIT für die Bundesverwaltung (SECO-Liste, Stand 28. September 2026). Alle bieten vergleichbare Lösungen an; die Wahl ist frei. In meinem Fall ist das Swisscom Sign, weil ich die Signatur für die Hochschule und als Rechtsanwalt benötige. Die Registrierung erfolgt in der App mit einem Selfie, einer Aufnahme der Passseite mit meinem Foto sowie dem Einlesen des Chips im Pass, ganz ohne Schalter (s. Swisscom Erklärvideo). Für die digitale Signierung lade ich ein PDF-Dokument hoch oder scanne ein Papierdokument, wähle die QES und gebe die Signatur auf dem Smartphone frei (s. Swisscom Erklärvideo). Für die private Nutzung ist der Dienst kostenlos; für die kommerzielle Nutzung kostet eine QES bei Swisscom Sign ohne Abo CHF 2.40. Wenn ich dieses qualifiziert digital signierte PDF-Dokument einem Adressaten schicke, kann dieser auf die Signatur klicken; ein Server der Anbieterin bestätigt ihm, dass das Dokument effektiv von mir signiert worden ist. Zudem kann jedes signierte Dokument auf validator.admin.ch, dem Validator des Bundes, kostenlos geprüft werden.

Anwendungsmöglichkeiten

Die Anwendungsmöglichkeiten sind heute vielfältig: Arbeits-, Miet- und Lieferverträge, Offerten, Vollmachten, Spesenbelege und Behördenformulare werden qualifiziert elektronisch signiert, oft über Plattformen, die eine QES einer anerkannten Anbieterin einbinden. Als Rechtsanwälte reichen wir Eingaben an Gerichte über eine anerkannte Zustellplattform wie IncaMail der Post oder PrivaSphere ein, versehen mit einer QES (Bundesamt für Justiz); künftig läuft der elektronische Rechtsverkehr über die Justizplattform justitia.swiss, im heutigen Pilotbetrieb noch mit QES, nach dem vollständigen Inkrafttreten des BEKJ ohne (erster Teil in Kraft seit 1. Oktober 2025, Rest geplant auf 1. Juli 2027) (Justitia 4.0). An der Hochschule signiere ich z.B. Vereinbarungen mit der Hochschule oder mit externen Partnern, wie Innosuisse, qualifiziert elektronisch.

Grundsätzliche Gültigkeit nur unter schweizerischem Recht!

8ung! Die Anwendung der qualifizierten digitalen Signatur gemäss Art. 14 Abs. 2bis OR i.V.m. ZertES ist nur für Rechtsgeschäfte unter schweizerischem Recht rechtsgültig. Die Schweiz hat mit keinem Staat und auch nicht mit der EU ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung elektronischer Signaturen; eine Schweizer QES gilt in der EU nicht als QES und umgekehrt. Der Bundesrat hat im Januar 2025 ein Verhandlungsmandat mit der EU in Auftrag gegeben; ein Abschluss vor Ende 2026 ist gemäss BAKOM unwahrscheinlich. In der EU gilt die eIDAS-Verordnung. Wie das Schweizer Unternehmen Stadler Rail erfahren musste, ist bei der Verwendung von qualifizierten digitalen Signaturen in anderen Rechtsordnungen grösste Vorsicht geboten: In einem Vergabeverfahren der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB über bis zu 186 Doppelstockzüge erklärte das österreichische Bundesverwaltungsgericht den Zuschlag an Stadler für nichtig, weil das Angebot mit einer schweizerischen QES signiert war, die in der EU nicht anerkannt wird (SRF 23.09.2021 Warum eine Unterschriftenpanne Stadler Milliarden kosten könnte). Stadler erhielt den Auftrag am Ende doch, aber erst nach einer Neuausschreibung und Gerichtsverfahren, im Februar 2022 (ÖBB 23.02.2022). Die praktische Lösung: Anbieterinnen wie Swisscom, die auch nach eIDAS anerkannt sind, lassen beim Signieren den Rechtsraum wählen, Schweiz (ZertES) oder EU (eIDAS). Merkregel: Vor dem Signieren fragen, welches Recht für das Dokument gilt.

Abgrenzung zur E-ID

Die QES ist eine Unterschrift, die E-ID ein Ausweis: Mit der staatlichen E-ID weist man sich online aus, unterschreibt aber nichts; die QES bleibt eine Leistung der privaten Anbieterinnen (s. Kapitel 05.06 Schweizer E-ID).


Artikel zu allen eSignaturen des ZertES von Isabelle Oehri im Blog des CC Management & Law der Hochschule Luzern – Wirtschaft: Verträge digital unterzeichnen – Rechtliche Fallstricke bei e-Signaturen

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